Thomas Nitsche gilt unter deutschen Pfeifenrauchern als einer der top Head Blender. Er mischt bei sehr vielen Marken im wahrsten Sinne des Wortes mit. Sei es Kopp Tabak, Solani Pfeifentabak oder Savinelli Pfeifentabak, um nur ein paar zu nennen. Kaum ein anderer Blender wird so gefeiert wie er. In Leipzig war Thomas bereits einmal bei einem Treffen vom Pfeifenstammtisch, ein regelmäßig stattfindendes Event der Sächsischen Pfeifenstube. Sebastian vom Pfeifenshop in Leipzig hat Thomas ein Interview abgerungen. Es soll nicht das letzte gewesen sein!
Thomas Nitsche über den Pfeifenraucher von heute, das Aromatisieren von Tabak und vieles mehr
Sebastian: Hallo Thomas, wie geht`s im Winter im Mischkeller bei Kopp Tobaccos?
Thomas: Mischen, mischen, mischen. Reichlich zu tun...
Sebastian: Ich soll dir schöne Grüße von Lutz Merker ausrichten. Er meint, die solltest mehr Aroma in den Pfeifentabak machen!
Thomas: Das weiß ich, das ist aber nicht so einfach und die Gründe erkläre ich dir gerne. Da gibt es zum Einen die „A1 Regelung“. Diese limitiert die Zusatzstoffe. Es gibt eine Feuchteregel etc. Da wurde in den letzten Jahren seitens der EU sehr viel reguliert und verboten. Als Hersteller haben wir heute nicht mehr so viel Möglichkeiten. Außerdem gilt eine andere einfache Regel: Je mehr Aroma, desto mehr Kondensat und irgendwann blubbert deine Pfeife nur noch. Das funktioniert auch nicht.
Wie seid ihr zu dem Pfeifenshop in Leipzig gekommen?
Sebastian: Das ist eine längere Geschichte. Alles hat bei einem Besuch im Frühling 2025 begonnen. Ich wolle Lutz Merker Zigarren verkaufen. Aber Herr Merker wollte keine Zigarren kaufen. Er meinte, dass er sich mit dem Pfeifenladen langsam in Richtung Ruhestand verabschieden würde. Ich zeigte Interesse an einer Übernahme und dann sind wir in Kontakt geblieben. Im Januar 2026 war es dann so weit: Der Laden gehört jetzt zu StarkeZigarren aus Berlin.
Thomas: Ist ja super, solche Läden sterben ja aus.
Sebastian: Ja, ich glaube, Pfeifen macht man entweder richtig oder man lässt es sein. Ein Laden, der nebenbei 50 Pfeifen im Angebot hat, wird niemals funktionieren. Und die Pfeifenraucher werden auch nicht mehr.
Zum Thema aromatisierter Pfeifentabak: Man spricht von Top-Flavour und Casing, wenn ich das richtig verstanden habe. Kannst du mir den Unterschied erklären?
Thomas: Casing ist heiß. Wie eine heiße Soße. Es dreht sich alles um natürliche Aromen. Casing passiert immer am Anfang, um ein Grundaroma zu erhalten. Man nennt das auch „Saucierung“. Es ist der erste Schritt der Tabakherstellung. Danach folgt der Top Flavour. Das geschieht mit künstlichen Aromen. Es wird unter Hochdruck kalt gesprüht. Damit werden die Aromen besser verteilt. Bei nicht hochwertigen Aromen vergeht der Geschmack nach etwa der Hälfte der Pfeife. Der Flavour verdunstet während man die Pfeife raucht. Wer also 60 Minuten an seiner Pfeife raucht, wird nach 30 Minuten plötzlich das gesamte Aroma des Top Flavours verlieren.
Sebastian: Was zeichnet dann die hochwertigen Aromen aus?
Thomas: Es gibt sündhaft teure Extrakte in Bioqualität. Die kosten ein Vielfaches von den billigen Sorten, manchmal Hundert mal mehr. Da gibt es nach oben kaum Grenzen.
Sebastian: Wie viel Prozent vom verkauften Pfeifentabak ist eigentlich aromatisierter Pfeifentabak? Mit anderen Worten: Wie beliebt ist Pfeifentabak ohne Zusatzstoffe?
Thomas: Circa 60-65%. Früher waren es 95%. Pfeifentabak ohne Zusatzstoffe wird immer beliebter. Wobei Alkohol und Glycol immer dabei sind. Jeder Pfeifentabak ist gecased. Alles andere ist eine Lüge. Ein nicht gecaster Tabak zerfällt sofort, er ist nicht rauchbar. Pfeifentabak ohne Zusatzstoffe gibt es also überhaupt nicht.
Sebastian: Ganz andere Frage: Kannst du mir ein gutes Pfeifenbuch empfehlen?
Thomas: Es gab mal eine Tabakbibel, musst mal schauen, ob die noch existiert. Aber probieren geht über Studieren. Du kannst nicht lesen, wie man eine Pfeife richtig stopft. Zum Stopfen sage ich nur: Das muss sich anfühlen wie eine Limo durch Strohhalm. Allerdings muss ich auch sagen: Der Flake Konsum ist wegen den Online-Erläuterungen explodiert. Früher hat sich niemand für Flake Tabak interessiert. Dann hat irgendwann irgendjemand im Internet angefangen darüber zu schreiben und zu erläutern. Heute ist Flake Tabak ein Riesentrend in der Pfeifenbranche und die Produktion kommt mit der Nachfrage nicht hinterher.
Sebastian: Wie lange machst du deinen Job als Blender schon?
Thomas: 21 Jahre.
Sebastian: Was sind die größten Herausforderungen bei deiner Arbeit?
Thomas: Die Tabake, die ich produziere müssen immer gleich schmecken, obwohl sich Rohstoffe und gesetzliche Regelungen ändern.
Sebastian: Wie genau kann ich mir deine Arbeit als Blender und Mischer vorstellen? Du sitzt vor einer Mischtrommel, schüttest verschiedene Tabake rein und sprühst dann Lebensmittelaromen drauf. Und das den ganzen Tag lang?
Thomas: Das kommt schon hin. Es hängt ein bisschen vom Tabak ab, den ich machen soll. Pressen kann auch Bestandteil sein.
Sebastian: Wie funktioniert die Kreation von einem neuen Blend und was treibt dich dabei an?
Thomas: Kundenwünsche. Oder die Kreation von einem Sommertabak. Dann stellt sich die Frage: Welche Früchte sind verfügbar? Ich kaufe keine Kokosnüsse ein. Ich bestelle die Aromen. Dann experimentiere ich.
Sebastian: Ich höre von allen Seiten, dass die Preise von Pfeifentabaken in den nächsten Monaten mehrfach steigen werden? Die Rohtabake sollen deutlich teurer geworden sein. Was ist da dran?
Thomas: Das ist korrekt. Preiserhöhungen von 7-12% stehen bei vielen Tabaken an und bei Spezialitäten sind es bis zu 100%. Das beste Beispiel ist der rund gedrehte Curly Tabak. Dessen Preis hat sich einfach verdoppelt. Dann ist da noch Track & Trace. Diese EU-Regelung kostet dem Pfeifenraucher circa 1-1,5 Euro pro Dose. Aber auch die Dosen selbst sind viel teurer geworden. Trotzdem ist Deutschland noch das Paradies für Pfeifenraucher. In anderen Ländern kostet die Dose Pfeifentabak bereits 50 Euro. Bei uns entwickelt es sich langsam in diese Richtung.
Sebastian: Das sind schreckliche Szenarien. Zurück zu diesem sündhaft teuren Tabak. Wer beschafft dir solche Curly Tabake?
Thomas: Dänemark, dort steht die letzte Maschine der Welt. Die steht bei STG. Falls du den HU Tobaccos Directors Cut Pfeifentabak kennst. Die Curley Cut Dose ist im Jahr 2025 von 24 auf 36 Euro gestiegen. In dieser Dose ist viel von diesem gedrehten Curly Cut enthalten. Das hängt mit den alten Pressen zusammen. Die alten Pressen arbeiten mit 4 Tonnen Pressdruck. Die neuen Pressen schaffen das nicht.
Sebastian: Wie preissensibel ist der Pfeifenraucher?
Thomas: Ich glaube da hat ein Wandel stattgefunden. Früher hat der Pfeifenraucher 200g bis 500g gekauft. Heute sind 50g und 100g im Vormarsch. Das Pfeife rauchen hat sich zum Genussrauchen entwickelt. Früher war Pfeifentabak in Beuteln abgepackt, die 2 Cent gekostet haben und in den der Tabak sofort ausgetrocknet ist. Heute ist alles professioneller aber auch teurer. Beim absoluten Basistabak bin ich heute bei 20 Euro / 100g Dose.
Sebastian: Zurück zum Pfeifenraucher: Wechselt er den Tabak, wenn eine Schwelle überschritten ist? So kenne ich das von den Zigarren...
Thomas: Wir gehen immer neue Wege, um die Preise niedrig zu halten und suchen Tabake in neuen Ländern. Aber es geht in Deutschland auch Know-how verloren, da es kein Ausbildungsberuf mehr ist. Die STG kann auf einmal 4 Tonnen Tabak machen, wir nicht. Der Pfeifenraucher macht wohl zu 50% mit. Der moderne Pfeifenraucher probiert heute sowieso ständig was Neues aus.
Sebastian: Weißt du, dass du als Blender bei Kopp richtig gefeiert wirst? Wie fühlt man sich da als Nummer 1 seiner Branche?
Thomas: Das scheint mir ein bisschen hoch gegriffen. Gleichzeitig macht es mich natürlich stolz. Ich liebe meinen Job, es fühlt sich nicht an wie Arbeit. Man muss jedoch auch sagen, dass es nicht mehr viele Blender gibt.
Sebastian: Ich trage drei Kundenwünsche an dich heran: Einen feinen Birnentabak, die Winter Edition 2018 und die Peterson Special Reserve 2013 neu aufleben lassen. Geht das?
Thomas: Birne, warum nicht? Ich bin grundsätzlich offen für alles. Wobei ich keine englischen Tabake mit Aromen verbinde. Das geht aus traditionellen Gründen nicht. Für die Winter Edition 2018 fehlen mittlerweile die Aromen. Sie kann also nicht mehr produziert werden. Außerdem ist die Nachfrage nach Wintertabaken eingebrochen. Ich habe Peterson bis 2014 hergestellt. Die Special Reserve 2013 war wohl nussig mit Nougat. Die Aromen wurden verboten. Viele Aromen wurden verboten. Die Verbote kommen von der EU. Zum Beispiel wegen metallischen Verbindungen. Daher wird es auch einen Peterson Special Reserve 2013 nie wieder geben.
Sebastian: Vielen Dank für all die Infos.
Thomas: Gerne.