Die deutsche Zigarrenbranche erlebt im Herbst 2026 eine ihrer ungewöhnlichsten Krisen seit Jahrzehnten. Die 5TH AVENUE PRODUCTS TRADING-GMBH aus Waldshut-Tiengen, seit 1989 einer der wichtigsten Importeure von Premiumzigarren in Deutschland, hat einen Insolvenzantrag gestellt. Das Unternehmen ist nicht nur der offizielle Exklusivimporteur kubanischer Habanos-Zigarren für Deutschland, Österreich und Polen, sondern vertreibt mittlerweile auch die beliebten Marken Flor de Copán und VegaFina.
Was zunächst nach einer klassischen Unternehmensinsolvenz klingt, hat allerdings einen bemerkenswerten internationalen Hintergrund: Sanktionen gegen einen chinesisch-kambodschanischen Geschäftsmann, komplizierte Beteiligungsverhältnisse und eingefrorene Bankkonten haben den deutschen Importeur in eine existenzbedrohende Situation gebracht.
Für den deutschen Zigarrenfachhandel und damit auch für uns in der Sächsischen Pfeifenstube in Leipzig stellen sich wichtige Fragen: Wie lange bleiben die Lieferungen aus? Werden kubanische Zigarren noch knapper? Und wie geht es mit Flor de Copán und VegaFina weiter?
Was ist bei 5th Avenue passiert?
Am 4. September 2026 informierte 5th Avenue seine Handelspartner darüber, dass vorübergehend keine neuen Bestellungen mehr angenommen und keine Waren ausgeliefert werden könnten. Als Grund wurden Einschränkungen im Bankgeschäft im Zusammenhang mit einer Prüfung von Sanktionen und gesetzlichen Compliance-Anforderungen genannt.
Nur wenige Tage später folgte der nächste Schritt: Mit Beschluss vom 9. September 2026 ordnete das Amtsgericht Waldshut-Tiengen vorläufige Sicherungsmaßnahmen an und bestellte Rechtsanwalt Dr. André Berbuer zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Das Verfahren wird unter dem Aktenzeichen 4 IN 194/26 geführt.
Am 25. September verschärfte das Gericht diese Maßnahmen. Seitdem liegt die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis über das Unternehmensvermögen beim vorläufigen Insolvenzverwalter.
Auch wir in der Sächsischen Pfeifenstube erhielten am 8. Oktober 2026 eine weitere Nachricht von 5th Avenue. Darin wurde angekündigt, dass den Handelspartnern ein postalisches Schreiben des vorläufigen Insolvenzverwalters zugehen werde. Offene und zukünftige Rechnungen seien ausschließlich auf das darin angegebene Insolvenzsonderkonto zu überweisen.
Diese Mitteilung zeigt, dass die Verwaltung der finanziellen Verpflichtungen inzwischen unter insolvenzrechtlicher Kontrolle erfolgt. Sie bedeutet allerdings noch nicht, dass der reguläre Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen wurde.
Die Hintergründe: Wie internationale Sanktionen einen deutschen Zigarrenimporteur treffen
Die eigentliche Ursache der Krise ist ungewöhnlich. Nach übereinstimmenden Medienberichten steht das Verfahren im Zusammenhang mit Sanktionen gegen Chen Zhi, den Gründer der international tätigen Prince Group.
Dem Geschäftsmann und seinem Unternehmensumfeld werden im Zusammenhang mit internationalen Ermittlungen unter anderem groß angelegter Onlinebetrug und Geldwäsche vorgeworfen. Chen Zhi und mit ihm verbundene Unternehmen wurden Gegenstand internationaler Sanktionen.
Der Zusammenhang mit der deutschen Zigarrenbranche erschließt sich erst durch die Eigentümerstruktur der kubanischen Zigarrenindustrie.
Habanos S.A., die internationale Vertriebsgesellschaft für kubanische Premiumzigarren, befindet sich jeweils zur Hälfte in kubanischem Staatsbesitz und im Besitz eines ausländischen Beteiligungsunternehmens. Über diese internationale Beteiligungsstruktur sollen wirtschaftliche Verbindungen zu Chen Zhi bestehen.
Diese mittelbaren Verflechtungen führten nach Medienberichten dazu, dass Banken den Zahlungsverkehr der deutschen 5th Avenue einschränkten beziehungsweise Konten blockierten.
Das Bemerkenswerte daran: Die Krise muss nicht auf schlechte Verkaufszahlen oder mangelnde Nachfrage zurückzuführen sein.
5th Avenue erklärte selbst, dass die Ursachen nicht im operativen Geschäft lägen, sondern auf außergewöhnliche äußere Umstände zurückzuführen seien. Auch Berichte über Aussagen des vorläufigen Insolvenzverwalters deuten darauf hin, dass grundsätzlich finanzielle Mittel vorhanden seien, auf diese jedoch nicht regulär zugegriffen werden könne.
Das Unternehmen befindet sich damit in einer Situation, in der vorhandenes Vermögen nicht automatisch bedeutet, dass laufende Rechnungen bezahlt oder Lieferungen abgewickelt werden können.
Kubanische Zigarren: Droht eine neue Versorgungskrise in Deutschland?
Besonders gravierend sind die möglichen Folgen für kubanische Zigarren. Marken wie Cohiba, Montecristo, Partagás, Romeo y Julieta, H. Upmann oder Trinidad gelangen über den offiziellen Vertriebsweg von 5th Avenue in den deutschen Fachhandel.
Fällt dieser zentrale Vertriebspartner auch nur vorübergehend aus, entsteht ein erhebliches Problem für die Warenversorgung. Bei der Sächsischen Pfeifenstube sind die Bestände im Ladengeschäft auf ein Minimum geschrumpft: Im Herbst gab es noch ein paar Exemplare von H. Upmann Half Corona und Montecristo No. 4 zu kaufen. Außerdem war noch eine größere Menge von Guantanamera Minutos im Bestand.
Für kubanische Zigarillos sieht es besser aus, obwohl sich auch hier die Bestände dem Ende neigen: Von der Top-Marke Cohiba sind bereits die Cohiba Wide Short sowie die Cohiba Short ausverkauft. Mini und Club sind dagegen (noch) verfügbar.
Das Problem: Der deutsche Markt für kubanische Zigarren war schon vor der aktuellen Krise angespannt. Viele beliebte Formate sind seit Jahren nur unregelmäßig verfügbar. Hinzu kommen beträchtliche Preissteigerungen, insbesondere bei den besonders gefragten Premium- und Luxusmarken.
Aus unserer Sicht in der Sächsischen Pfeifenstube könnte sich diese Situation nun weiter verschärfen. Solange keine regulären Lieferungen stattfinden, müssen Fachhändler auf ihre vorhandenen Warenbestände zurückgreifen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass kubanische Zigarren über Nacht aus den deutschen Humidoren verschwinden. Bereits ausgelieferte und ordnungsgemäß in Verkehr gebrachte Ware darf weiterhin verkauft werden. Entscheidend ist vielmehr, wie lange die Lieferunterbrechung anhält und wie groß die verbleibenden Bestände bei den einzelnen Händlern sind.
Gerade bei gefragten Zigarrenformaten könnten sich die ohnehin bestehenden Engpässe dadurch weiter verstärken.

Flor de Copán und VegaFina – warum auch nicht-kubanische Zigarren betroffen sind
Weniger bekannt ist, dass 5th Avenue längst nicht mehr ausschließlich kubanische Zigarren vertreibt.
Im August 2022 übernahm das Unternehmen den deutschen Vertrieb von VegaFina Zigarren. Anfang 2024 kamen Flor de Copán sowie die Marke Capitol hinzu. Damit entwickelte sich 5th Avenue zunehmend zu einem wichtigen Anbieter internationaler Premiumzigarren unterschiedlicher Herkunft.
Diese Erweiterung des Portfolios gewinnt angesichts der aktuellen Ereignisse eine besondere Bedeutung.
Flor de Copán: Eine der beliebtesten Zigarrenmarken Deutschlands
Hinter Flor de Copán Zigarren verbirgt sich eine traditionsreiche Marke aus Honduras, deren Ursprünge in der heutigen Form auf das Jahr 1976 zurückgehen. Besonders die klassische Linie mit ihrem milden bis mittelkräftigen Geschmacksprofil zählt seit vielen Jahren zu den festen Größen im deutschen Zigarrenfachhandel.
Die Zigarren zeichnen sich durch cremige Nuss- und Holznoten, eine ausgewogene Würze und ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis aus.
Gerade die Flor de Copán Rothschild gehört zu den Formaten, die wir in der Sächsischen Pfeifenstube gerne empfehlen. Sie eignet sich hervorragend für Einsteiger, ist aber auch für erfahrene Zigarrenraucher eine interessante Alltagszigarre.
Das Problem: Obwohl Flor de Copán in Honduras hergestellt wird, ist die Marke durch ihre deutsche Vertriebsstruktur ebenfalls von den Einschränkungen bei 5th Avenue betroffen. In der Sächsischen Pfeifenstube gingen die letzten Flor de Copán Zigarren (Belicoso) am 15. Oktober in Leipzig über den Verkaufstresen...
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die Zigarrenproduktion in Honduras stillsteht. Betroffen ist vielmehr der Vertriebsweg, über den die Ware normalerweise zu den deutschen Fachhändlern gelangt.
VegaFina: Auch die dominikanische Premiummarke gerät unter Druck
Eine ähnliche Situation besteht bei VegaFina. Die Marke gehört international zu den bedeutendsten nicht-kubanischen Premiumzigarren und wird überwiegend mit der Zigarrenproduktion in der Dominikanischen Republik verbunden.
Besonders die klassische VegaFina-Serie ist für ihren milden, cremigen und harmonischen Charakter bekannt. Daneben bietet die Marke unter anderem die würzigeren Serien Fortaleza 2, Nicaragua und Línea 1998 an.
VegaFina ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine international etablierte Zigarrenmarke durch Schwierigkeiten eines nationalen Vertriebspartners vorübergehend an Verfügbarkeit verlieren kann.
Wie bei Flor de Copán liegt das Problem nicht zwangsläufig bei der Herstellung, sondern bei Import, Warenwirtschaft und Vertrieb in Deutschland.
Sollte die Krise bei 5th Avenue länger anhalten, dürfte sich deshalb auch bei diesen beiden Marken die Frage stellen, ob künftig andere Vertriebsstrukturen benötigt werden.
Welche Konsequenzen ergeben sich für den deutschen Zigarrenmarkt?
Die Insolvenz von 5th Avenue macht deutlich, wie abhängig der deutsche Zigarrenhandel von einzelnen großen Importeuren ist.
Besonders bei kubanischen Zigarren ist diese Abhängigkeit durch das System der exklusiven Landesimporteure strukturell verankert. Händler können fehlende Lieferungen nicht ohne Weiteres durch Bestellungen bei beliebigen ausländischen Großhändlern ersetzen.
Bei nicht-kubanischen Marken wie Flor de Copán und VegaFina bestehen grundsätzlich flexiblere Möglichkeiten, den Vertrieb neu zu organisieren. Ob und wann es tatsächlich dazu kommt, hängt jedoch von den Herstellern, den Markeninhabern und den bestehenden Vertragsverhältnissen ab.
Für den Fachhandel ergeben sich aus unserer Sicht vor allem drei Herausforderungen:
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Lieferfähigkeit: Beliebte Zigarren könnten bei längeren Lieferunterbrechungen zunehmend schwer erhältlich sein.
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Sortimentsplanung: Fachhändler müssen stärker auf alternative Marken und zuverlässige Bezugsquellen zurückgreifen.
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Planungssicherheit: Ohne klare Aussagen zur Fortführung von 5th Avenue lässt sich derzeit nur schwer abschätzen, wann sich die Warenversorgung normalisieren wird.
Gleichzeitig könnte die Situation dazu führen, dass nicht-kubanische Zigarren anderer Hersteller weiter an Bedeutung gewinnen.
Bereits in den vergangenen Jahren haben Zigarren aus Nicaragua, Honduras und dominikanische Zigarren bewiesen, dass sie geschmacklich und qualitativ hervorragende Alternativen zu kubanischen Zigarren bieten können.
Wie geht es mit 5th Avenue weiter?
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, Mitte Oktober 2026, ist noch nicht abschließend geklärt, wie sich das Insolvenzverfahren entwickeln wird.
Entscheidend dürfte sein, ob sich die Einschränkungen des Zahlungsverkehrs durch behördliche Genehmigungen, eine Veränderung der Beteiligungsstruktur oder andere rechtliche Lösungen überwinden lassen.
Gelingt eine solche Lösung, wäre grundsätzlich auch eine Fortführung des Unternehmens denkbar. Andernfalls könnten eine umfassendere Restrukturierung oder eine Neuordnung der Vertriebsrechte erforderlich werden.
Für die Mitarbeiter, Handelspartner und Hersteller wäre eine möglichst rasche Klärung besonders wichtig. Schließlich verfügt 5th Avenue über jahrzehntelange Erfahrung, eingespielte Logistikstrukturen und ein umfangreiches Netz spezialisierter Fachhändler.
Unsere Einschätzung aus der Sächsischen Pfeifenstube
Wir verfolgen die Entwicklungen bei 5th Avenue mit großer Aufmerksamkeit. Für uns als Zigarrenfachhändler ist die aktuelle Situation nicht nur eine Nachricht aus der Wirtschaftspresse, sondern betrifft ganz konkret unsere täglichen Bestellungen und unsere langfristige Sortimentsplanung.
Besonders bedauerlich finden wir, dass mit Flor de Copán und VegaFina zwei Marken betroffen sind, die seit vielen Jahren für hochwertige und zugleich erschwingliche Premiumzigarren stehen.
Wir hoffen deshalb, dass für 5th Avenue zeitnah eine tragfähige Lösung gefunden wird und die Belieferung des deutschen Fachhandels wieder aufgenommen werden kann.
Gleichzeitig zeigt uns die aktuelle Entwicklung, wie wichtig ein vielseitiges Sortiment mit Zigarren unterschiedlicher Hersteller und Herkunftsländer ist.
Für unsere Kunden bedeutet das: Auch wenn einzelne Marken oder Formate vorübergehend schwerer erhältlich sein sollten, gibt es weiterhin eine große Auswahl hervorragender Premiumzigarren.
Wir werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen und unsere Kunden über wichtige Veränderungen informieren.
Recherchegrundlage und redaktionelle Hinweise
Die wesentlichen Angaben sind durch mehrere Quellen gestützt:
- Insolvenzverfahren: Die Beschlüsse vom 9. und 25. September dokumentieren die vorläufige Insolvenzverwaltung und das allgemeine Verfügungsverbot. Eine endgültige Verfahrenseröffnung ist damit nicht belegt.
- Ursachen: Die Zusammenhänge zwischen Chen Zhi, den Sanktionen und den gesperrten Konten wurden unter anderem vom US-Fachmagazin Cigar Aficionado, Cigars Connect und t-online berichtet.
- Flor de Copán und VegaFina: 5th Avenue bestätigt die Übernahme des deutschen Vertriebs von VegaFina im Jahr 2022 und Flor de Copán im Jahr 2024.
- Unternehmensposition: 5th Avenue erklärt auf seiner Website, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien durch außergewöhnliche externe Umstände entstanden.